ACHTUNG – Um Verwirrung vorzubeugen: Der folgende Artikel ist schon etwas älter und seitdem haben wir unseren Plan, größere Teile Neuköllns zu bespielen, abgeändert. Das Konzert findet nun gänzlich an der Schillerpromenade statt und wird ca. 20 Minuten dauern. Treffpunkt siehe hier.

Sich etwas auszudenken, was es in der Form noch nicht gab, bringt auch immer das Problem der Vermittlung mit sich. Das haben wir mal wieder festgestellt, als wir gestern auf der Tuningmesse Amicom auf der Suche nach Mitstreitern für unser geplantes mobiles Subbass-Konzert TIEFDRUCKGEBIET waren und erstmal jede Menge verständnislose Blicke ernteten.

Ich möchte also aus gegebenem Anlass zunächst etwas mehr Licht darauf werfen, wie wir uns den Ablauf des Konzertes ganz konkret musikalisch vorstellen, ohne die konzeptionellen Hintergründe komplett zu erläutern (wer gar nicht weiß, worum es geht: bitte zunächst einen Blick auf die grobe Beschreibung werfen).

Die Instrumente

Grundlegend für das Konzert ist der Gedanke einer Einheit von Körper und Klang. Wir wollen nicht irgendwelche Klänge über irgendwelche sich bewegenden Lautsprecher abspielen, sondern wir begreifen die Gesamtheit eines Autos inkl. seines integrierten Soundsystems als ein Instrument und seinen Fahrer als ausführenden Interpreten, vergleichbar mit einem Musiker in einem Ensemble. Jedes Auto hat bestimmte Eigenfrequenzen, bei denen der Innenraum des Autos zu resonieren beginnt, also besonders stark schwingt. Diese Frequenzen richten sich nach der Größe des Innenraumes – ein Kombi klingt anders als ein Smart –, aber auch danach, ob und wie weit z.B. die Fenster geöffnet sind. Beim dB-Drag Racing, einem Wettbewerb, bei dem es um höchstmögliche Lautstärke im Innenraum des Autos geht, verwenden die Teilnehmer z.B. viel Zeit und Mühe darauf, die optimale Resonanzfrequenz ihres Autos zu finden und ihre Anlage entsprechend darauf abzustimmen.

Uns geht es bei TIEFDRUCKGEBIET zwar nicht darum, möglichst viel Lärm zu machen, aber dennoch möchten wir diese charakteristischen Frequenzen nutzen, um das Klangmaterial zu bestimmen, welches von den teilnehmenden Autos gespielt wird. Die zweite Komponente, welche auf den Klang Einfluß nimmt, ist der Subwoofer. Hier gilt es, die tiefstmögliche Resonanzfrequenz des Autos zu finden, bei welcher der Lautsprecher noch vernünftige Leistung bringt. Das Ganze natürlich bei geöffneten Fenstern, denn wir wollen ja die Straßen bespielen und nicht den Fahrer.

Nachdem jede teilnehmende Kombination aus Auto und Anlage vermessen wurde, erhält der Fahrer eine CD mit „seinem“ Sinuston, der genau auf die entsprechende optimale Bassfrequenz gestimmt ist. Damit ist das Instrument fertig. Vergleichbar mit einer Trommel kann es nur eine Tonhöhe erzeugen – aber anstatt durch Draufschlagen wird es durch den von CD abgespielten Ton zum Schwingen gebracht.

Das Ensemble

Nun wäre ein Konzert für eine Trommel im Normalfall nicht besonders spannend, aber sobald sich eine Gruppe von Trommlern mit unterschiedlich gestimmten Instrumenten zusammengetan hat, sieht es schon anders aus. Genauso verfahren wir auch: Ein ganzes Ensemble von entsprechend präparierten Autos tut sich zusammen und jedes Auto spielt seinen eigenen speziellen Basston ab. Jetzt beginnt der eigentliche Spaß: Durch die leichten Höhenunterschiede zwischen den Tönen ergeben sich in der Kombination verschiedenste akustische Effekte, die gerade im Bassbereich besonders spannend sind, z.B. Schwebungen (Flattereffekte zwischen zwei dicht beieinanderliegenden Tönen), Verstärkungen (bei der Überlagerung zweier Wellen) oder Auslöschungen (wenn ein Wellental auf einen Wellenberg stößt). Da die Autos sich nicht auf freiem Feld sondern zwischen Häuserwänden befinden, werden die Basswellen zusätzlich von diesen zurückgeworfen und überlagern sich erneut. Sollte der Abstand zwischen zwei Wänden, also die Breite der Straße, genau einer halben Wellenlänge bzw. deren Vielfachen entsprechen – was im Subbassbereich gut hinkommen kann – ergibt sich eine sogenannte stehende Welle: Die Straße selbst wirkt, genau wie das Auto, als resonierender Klangkörper.

Das Konzert

Aber das ist noch nicht alles, denn nun setzen sich die Autos in Bewegung, zunächst gemeinsam, dann in kleineren Gruppen, einige schneller, andere langsamer, und durchfahren das Straßennetz Neuköllns, wobei die Fahrer als Interpreten den konkreten Ablauf des Konzertes bestimmen. Dabei fahren sie zwar nach einem groben Plan, der Partitur, haben aber im Detail stets die Entscheidungsfreiheit, was Geschwindigkeit, Route und Gruppierung anbelangt, was ein improvisatorisches Element in das Konzert bringt.

Als i-Tüpfelchen kommt nun auch noch der sogenannte Dopplereffekt zum Tragen. Dieser bewirkt, daß bewegte Klänge im Herannahen höher und während des Entfernens tiefer klingen, als sie eigentlich sind – das hört man z.B. deutlich am Martinshorn eines Krankenwagens. Klanglich besonders spannend dürfte also das Aufeinandertreffen der fahrenden Gruppen an einer Kreuzung oder in einem Kreisverkehr werden.

Um all diese komplexen Effekte für das Publikum auch erfahrbar zu machen, wird das bespielte Areal eine überschaubare Größe aufweisen, so daß man während des Konzertes herumwandern und das Zusammenspiel von Klängen, Bewegung und Architektur aus verschiedenen Positionen aufnehmen kann. Zusätzlich arbeiten wir zur Zeit an einer Dramaturgie für das Konzert, um es noch um weitere Effekte, z.B. rhythmischer Natur, zu bereichern.

Soweit die Idee. Die nächsten Wochen werden wir auch mit intensiven Subbass-Tests verbringen, um das Konzept langsam aus der Theorie in die Praxis zu überführen.

Wir sind übrigens immer noch auf der Suche nach „Instrumentalisten“ für das Konzert – wer also eine dicke Anlage im Auto und Interesse hat oder jemand passenden kennt: Bitte meldet euch per eMail. Benzinkosten etc. übernehmen natürlich wir und der Zeitaufwand wird sich in Grenzen halten. Und ich würde mal sagen: Was auch immer passiert, es wird auf jeden Fall einzigartig. Hier findet ihr alle Informationen, wie ihr uns unterstützen könnt.

Anselm Venezian Nehls

Klanglandschaftsgärtner & Soundarchitekt. Musiker, Produzent, Klangkünstler. Studierte Popmusik am Goldsmiths College in London und Sound Studies an der Universität der Künste Berlin. twitter. blog. facebook. eMail

4 Antworten zu “Hintergründe zu TIEFDRUCKGEBIET: So funktioniert’s.”

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  1. [...] spürbar in Bewegung zu bringen.Dazu werden mehrere Autos, jedes mit seiner eigens ausgetüftelten Bass-Frequenz, sowie einem riesigen Subwoofer versehen, koordiniert durch Neukölln fahren, und so [...]

  2. [...] werden mehrere Autos, jedes mit seiner eigens ausgetüftelten Bass-Frequenz, sowie einem riesigen Subwoofer versehen, koordiniert durch Neukölln fahren, und so [...]

  3. [...] HEAVY LISTENING / Hintergründe zu TIEFDRUCKGEBIET: So funktioniert’s.. [...]

  4. [...] hinterfragen und thematisieren. Tiefdruckgebiet soll ein mobiles Subbass-Konzert werden, ist ein Konzept von HEAVYLISTENING und Teil von 48 Stunden Neukölln. HEAVYLISTENING wurde 2010 als Plattform für klangliche [...]

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